Indexschmuser: Was der Active Share wirklich zeigt
Wie viele „aktive" Fonds sind in Wahrheit nur teure Indexfonds mit anderem Namen?
Dafür gibt es sogar ein eigenes Wort: Indexschmuser. Das sind Fonds, die sich „aktiv gemanagt" nennen, obwohl sich ihr Portfolio kaum vom Vergleichsindex unterscheidet. Wer aktive Gebühren zahlt, erwartet aktives Management. Messbar wird das Ganze über eine Kennzahl namens „Active Share".
Was verrät der Active Share?
Der Active Share wurde 2006 von den Yale-Forschern Antti Petajisto und Martijn Cremers eingeführt und gibt an, wie groß der Anteil eines Portfolios ist, der vom Vergleichsindex abweicht. Grob gilt:
0–20 %: Indexfonds
20–60 %: indexnah
60–80 %: aktiv gemanagt
80–100 %: ausgeprägtes Stock-Picking
Ein Fonds mit niedrigem Active Share, der die Gebühren eines echten Stock-Pickers verlangt, ist ein klassischer Indexschmuser: Bezahlt wird für eine Abweichung, die kaum stattfindet. International heißt dieses Phänomen Closet Indexing.
Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat es systematisch untersucht: In einer Stichprobe von 2.600 UCITS-Aktienfonds (Untersuchungszeitraum 2012–2014) zeigten 5–15 % der Fonds nach quantitativen Kennzahlen Merkmale von Indexschmusern.
Warum das nicht immer Absicht ist
Der naheliegende Verdacht: Fondsmanager trauen sich nicht, vom Index abzuweichen, weil eine Underperformance gegenüber der Benchmark unangenehmer ist als eine unauffällige Mittelmäßigkeit. Das spielt sicher eine Rolle. Aber der eigentliche Grund liegt oft tiefer, in der Konstruktion des Fonds selbst.
Ein Portfolio, das aus denselben rund 1.300 Unternehmen ausgewählt wird wie ein globaler Standardindex, landet fast zwangsläufig in dessen Nähe. Das gilt erst recht, wenn es zusätzlich nach ähnlichen Kriterien gewichtet ist, etwa nach Marktkapitalisierung, Sektorbalance oder Länderquoten.
Genau umgekehrt funktioniert es, wenn das Auswahlkriterium selbst ein anderes ist.
Warum der proud@work Aktienfonds strukturell kein Indexschmuser ist
Die Konstruktion des proud@work Aktienfonds führt zu einem Portfolio, das sich nur zu rund 11 % mit dem MSCI World überschneidet (Stand August 2026).
Der proud@work Aktienfonds wählt sein Anlageuniversum über den Trust Index von Great Place To Work®, eine Kennzahl für Unternehmenskultur. Der Index misst, wie sehr Mitarbeitende ihrem Arbeitgeber vertrauen, etwa bei Führung, Fairness und Stolz auf die eigene Arbeit, erhoben über eine Datenbasis aus über 20 Millionen Stimmen von Mitarbeitenden aus über 180 Ländern. Aus den weltweit geprüften, börsennotierten Unternehmen werden am Ende 30 bis 40 ausgewählt, die im Portfolio annähernd gleichgewichtet sind (Zielband 1,5–5 % je Position).
Der MSCI World dagegen umfasst rund 1.300 Unternehmen, gewichtet nach Marktkapitalisierung, der proud@work Aktienfonds nur 30 bis 40. Von den sieben Schwergewichten, die allein etwa ein Viertel des MSCI World ausmachen (den „Magnificent Seven"), hält der proud@work Aktienfonds genau einen Titel (Stand August 2026).
Genau das macht Index-Nähe beim proud@work Aktienfonds strukturell so gut wie unmöglich. Das bestätigt auch Christian W. Röhl im Gespräch mit Ole Jacobsen bei Scalable Capital (Folge #78): Selbst mit Absicht komme dieser Auswahlprozess kaum in die Nähe des Index. Die Abweichung folgt aus dem Konstruktionsprinzip des Fonds. Ein Portfolio, das aus dem gemessenen Vertrauen von über 20 Millionen Mitarbeitenden entsteht, ist eine ziemlich handfeste Art, dem Index aus dem Weg zu gehen.
Wie erkennen Anleger Indexschmuser?
Die gleiche Prüfung lässt sich vor dem Kauf auf jeden anderen Fonds anwenden. Ein paar Fragen helfen dabei:
Wie viele Positionen hält der Fonds im Verhältnis zum Vergleichsindex? Entscheidend ist weniger die Zahl als das Auswahluniversum und die Gewichtung. Ein Fonds mit 300 Positionen aus einem 1.300-Titel-Index trifft oft dieselben großen, marktkapitalisierungsgewichteten Namen wie der Index und hat kaum Raum für Abweichung. Der proud@work Aktienfonds wählt seine 30 bis 40 Positionen dagegen über den Great Place To Work® Trust Index und gewichtet sie annähernd gleich statt nach Marktkapitalisierung.
Ähneln sich die Top-10-Positionen von Fonds und Index? Wenn ein „aktiver" Fonds dieselben sieben, acht Namen ganz oben stehen hat wie der MSCI World, ist das ein deutliches Signal.
Nach welchem Kriterium wird ausgewählt? Wählt der Fonds seine Titel über ein eigenständiges Kriterium statt über Marktkapitalisierung, steigt die Wahrscheinlichkeit einer echten Abweichung erheblich.
Steht der Active Share im Factsheet? Viele Anbieter weisen die Kennzahl mittlerweile aus, etwa bei einzelnen Fonds von Allianz Global Investors. Ganz unumstritten ist die Kennzahl in der Fachpresse nicht. Diese Debatte begleitet sie schon seit Jahren, wie DAS INVESTMENT einordnet. Fehlt sie im Factsheet, lohnt sich die Nachfrage trotzdem.
Warum nicht einfach ein ETF?
Doch, gern. Den proud@work Aktienfonds gibt es selbst als aktiven ETF, kaufbar über gängige Broker.
Bei anderen Fonds sieht das anders aus: Wer seinen als Indexschmuser identifiziert, hat oft nur unbefriedigende Alternativen. Zum Beispiel: Weiter die aktive Gebühr für ein passives Ergebnis zahlen, oder in einen ETF auf den MSCI World wechseln, der eigene Schwächen mitbringt. Der MSCI World streut über 1.300 Unternehmen. Sieben davon bestimmen ein Viertel.
Gleich ist die Hülle, verschieden das Auswahlkriterium.
Fazit
Ob ein Fonds wirklich aktiv ist, zeigt das gewichtete Portfolio. Die Kennzahl dafür heißt Active Share, das Phänomen dahinter Closet Indexing. Laut ESMA zeigten in einer Stichprobe von 2.600 UCITS-Aktienfonds 5–15 % entsprechende Merkmale. Eine Minderheit, aber belegt: Rein rechnerisch 130 bis 390 Fonds.
Ein Fonds wird zum Indexschmuser, wenn sein Portfolio nach denselben Kriterien ausgewählt und gewichtet wird wie der Vergleichsindex.
Marketinginformation. Keine Anlageberatung. Kapitalmarktrisiken bis hin zum Totalverlust möglich. Maßgeblich sind Verkaufsprospekt und Basisinformationsblatt.
Häufige Fragen
Was ist Active Share?
Active Share ist eine 2006 von Antti Petajisto und Martijn Cremers (Yale) eingeführte Kennzahl. Sie misst, wie groß der Anteil eines Fondsportfolios ist, der von seinem Vergleichsindex abweicht, auf einer Skala von 0 (identisch mit dem Index) bis 100 % (vollständig verschieden).
Closet Indexing, Index-Hugging, Indexschmuser - ist das dasselbe?
Ja. Alle drei Begriffe bezeichnen dasselbe Phänomen: Fonds, die als aktiv gemanagt vermarktet werden und dafür aktive Gebühren verlangen, deren Portfolio sich aber kaum von ihrem Vergleichsindex unterscheidet. Closet Indexing ist der international gebräuchliche Fachbegriff, Index-Hugging ein englisches Synonym dafür, Indexschmuser die deutsche Umschreibung. Die ESMA hat in einer Untersuchung von 2.600 UCITS-Aktienfonds (2012–2014) bei 5–15 % entsprechende Merkmale festgestellt.
Wie erkenne ich, ob ein Fonds ein Indexschmuser ist?
Ein niedriger Active Share (unter etwa 60 %) bei gleichzeitig aktiven Gebühren ist das klassische Warnsignal. Weitere Indizien: Positionsanzahl nah am Vergleichsindex, ähnliche Top-Positionen wie der Index, kein eigenständiges Auswahlkriterium jenseits der Marktkapitalisierung.
Warum ist der proud@work Aktienfonds strukturell kein Indexschmuser?
Weil das Auswahluniversum über ein anderes Kriterium entsteht als beim MSCI World: Den Great Place To Work® Trust Index, eine Datenbasis aus über 20 Millionen Stimmen von Mitarbeitenden aus über 180 Ländern. Aus diesem Prozess entstehen 30 bis 40 annähernd gleichgewichtete Positionen (Zielband 1,5–5 % je Titel): Ein Portfolio, das sich von einem Index mit 1.300 Titeln, marktkapitalisierungsgewichtet, deutlich unterscheidet.


