ETF Nachteile: Das Konstruktionsproblem dahinter
Dein MSCI World ETF enthält 1.300 Unternehmen. Sieben davon bestimmen ein Viertel.
Das ist Mathematik, keine Meinung. Und es ist der Punkt, den die meisten Artikel über ETF Nachteile nie erreichen, weil sie vorher aufhören.
ETFs sind ein gutes Produkt. Sie haben die Geldanlage demokratisiert, Kosten gesenkt und Millionen Menschen den Kapitalmarkt zugänglich gemacht. Nichts davon steht hier zur Debatte. Aber wer sein Depot verstehen will, sollte auch die Frage stellen dürfen, die in den üblichen Nachteil-Listen oft untergeht: Was steckt wirklich drin?
Die üblichen Nachteile, kurz und ehrlich
Wenn man "ETF Nachteile" googelt, bekommt man eine bekannte Liste. Sie ist korrekt, aber für die meisten Anleger letztlich nebensächlich:
Tracking Error: Die geringfügige Abweichung eines ETF von seinem Referenzindex. In der Praxis bei großen, etablierten ETFs minimal.
Swap-Risiko: Bei synthetischen ETFs besteht theoretisch ein Kontrahentenrisiko. Für physisch replizierende ETFs irrelevant.
Keine Mitsprache bei Hauptversammlungen: Stimmenrechte werden über den Emittenten ausgeübt, nicht direkt durch den Anleger. In der Realität für Privatanleger ohne nennenswerte Konsequenz.
Liquiditätsrisiken in Extremphasen: In echten Marktkrisen können auch ETFs auf ungewöhnliche Spreads oder temporäre Handelspausen treffen. Seltenes Szenario, das man kennen sollte.
Diese Punkte verdienen Erwähnung, aber kein einziger davon ist das, worum es wirklich geht.
Das strukturelle Problem, das kaum jemand benennt
Marktkapitalisierungsgewichtung klingt technisch. Der Mechanismus ist aber einfach: Je teurer ein Unternehmen an der Börse bewertet wird, desto mehr Gewicht bekommt es im Index. Stieg der Kurs eines Unternehmens stark, kauft der Index automatisch nach, weil es nun größer ist.
Das klingt zunächst logisch. In der Praxis führt es zu einer Dynamik, die viele Anleger unterschätzen.
Im MSCI World stellen NVIDIA, Apple, Alphabet (Google), Microsoft, Amazon, Broadcom und Meta zusammen rund 25 Prozent des gesamten Index. Ein Anleger, der einen MSCI World ETF kauft und dabei an "1.300 Unternehmen" denkt, hat formal Recht. Und gleichzeitig ein Portfolio, das zu einem Viertel von sieben US-Technologieunternehmen abhängt.
Das ist das automatische Ergebnis eines Konstruktionsprinzips. Niemand hat es so entschieden.
Was Diversifikation wirklich bedeutet
Diversifikation über Titelanzahl ist nicht dasselbe wie Diversifikation über Gewichtung.
1.300 Unternehmen klingt nach maximaler Streuung. Es ist auch tatsächlich eine breite Streuung, in Bezug auf die Anzahl der enthaltenen Titel. Aber wenn sieben davon ein Viertel des Gesamtgewichts ausmachen, verändert sich das Risikoprofil erheblich.
Was passiert, wenn US-Technologieunternehmen als Sektor unter Druck geraten (durch Regulierung, veränderte Bewertungsmaßstäbe oder einen Nachfragerückgang)? Ein marktkapitalisierungsgewichteter MSCI World ETF spürt das überproportional, weil die Konzentration überproportional ist.
Das bleibt eine Tatsache über die aktuelle Zusammensetzung eines der meistgekauften Index-Produkte weltweit. Ein Argument gegen ETFs ist es nicht.
In den vergangenen Jahren hat genau diese Konzentration funktioniert: US-Technologie hat den MSCI World nach oben gezogen. Ob das so bleibt, weiß niemand. Was man wissen kann: Wer einen MSCI World ETF kauft, setzt heute (ob bewusst oder nicht) stark auf US-Tech.
Was du dagegen tun kannst
Es gibt verschiedene Ansätze, die das Konzentrationsproblem adressieren. Keiner davon ist per se besser oder schlechter, sie lösen das Problem auf unterschiedliche Weise:
Regionale ETFs: Ein MSCI World ex-USA-ETF reduziert die US-Konzentration strukturell, indem er den US-Markt vollständig ausschließt. Wer den US-Markt separat beimischen will, behält die Kontrolle über die Gewichtung.
Equal-Weight-ETFs: Equal-Weight-Ansätze verteilen das Gewicht gleichmäßig auf alle enthaltenen Unternehmen, unabhängig von ihrer Marktkapitalisierung. Apple und ein mittelgroßes Industrieunternehmen aus Japan haben dieselbe Gewichtung. Das reduziert das Klumpenrisiko auf Titelebene erheblich.
Qualitätsgefilterte Ansätze: Manche Fonds verbinden Gleichgewichtung mit zusätzlichen Unternehmensauswahlkriterien, zum Beispiel fundamentale Kennzahlen oder messbare Qualitätsmerkmale. Der Unterschied zum Standard-ETF liegt in der Gewichtung und zusätzlich in der Auswahl der enthaltenen Unternehmen.
Welcher Ansatz passt, hängt von der eigenen Überzeugung ab und davon, welches Risiko man bewusst eingehen will.
Was dieser Artikel nicht beantwortet
Dieser Artikel benennt das Konstruktionsproblem. Er beantwortet nicht die Frage, welches Produkt das beste für dich ist. Das ist auch nicht seine Aufgabe.
Wer sich damit beschäftigen will, wie Equal-Weight-Ansätze das Konzentrationsproblem lösen (und wo deren eigene Grenzen liegen), findet eine ausführliche Einordnung im nächsten Artikel: MSCI World Equal Weight: Der richtige Schritt. Und dann?
Ein konkretes Beispiel für einen solchen qualitätsgefilterten Ansatz ist der proud@work Aktienfonds. Er gewichtet sein Portfolio gleichmäßig und wählt Unternehmen nach der gemessenen Qualität ihrer Arbeitskultur aus. Wie das funktioniert, steht hier: proud@work als Alternative zum MSCI World.
Marketinginformation. Keine Anlageberatung. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Häufige Fragen
Was sind die größten Nachteile von ETFs?
Die häufig genannten Nachteile (Tracking Error, Swap-Risiko, fehlende Mitsprache bei Hauptversammlungen) sind für Langfristanleger meist marginal. Das strukturell wichtigere Problem ist weniger bekannt: Marktkapitalisierungsgewichtete ETFs wie der MSCI World konzentrieren automatisch auf die teuersten Unternehmen. Im MSCI World bestimmen sieben US-Technologieunternehmen rund ein Viertel der Rendite, obwohl der Index 1.300 Unternehmen enthält.
Ist der MSCI World wirklich diversifiziert?
Auf Titelanzahl betrachtet, ja: über 1.300 Unternehmen aus Industrieländern weltweit. Auf Gewichtung betrachtet, differenzierter: Die sieben größten Positionen (NVIDIA, Apple, Alphabet/Google, Microsoft, Amazon, Broadcom, Meta) machen zusammen rund 25% des Index aus. Das ist eine starke Konzentration auf US-Technologie, die durch die Marktkapitalisierungsgewichtung entsteht.
Was ist das Klumpenrisiko beim MSCI World?
Beim MSCI World bestimmen die sieben größten Positionen (NVIDIA, Apple, Alphabet (Google), Microsoft, Amazon, Broadcom, Meta) rund ein Viertel des gesamten Indexgewichts. Wer den MSCI World kauft, ist damit stark von der Entwicklung dieser sieben US-Tech-Unternehmen abhängig, obwohl der Index 1.300 Unternehmen enthält.
Gibt es ETFs ohne Klumpenrisiko?
Equal-Weight-ETFs verteilen das Gewicht gleichmäßig auf alle enthaltenen Unternehmen und reduzieren das Klumpenrisiko auf Titelebene erheblich. Beispiele: Invesco MSCI World Equal Weight UCITS ETF. Darüber hinaus gibt es qualitätsgefilterte Ansätze, die Gleichgewichtung mit zusätzlichen Unternehmensauswahlkriterien verbinden.

